Wir stolpern nicht, wir tanzen. Worte an den großen Frank T.

Inspiriert von dem kurzen Liebesbrief an ein Stück Musik, den Josh Radnor im Guilt & Pleasure Magazine veröffentlicht hat, will ich hier auch etwas niederschreiben.

Vor einem guten Jahr erst hat man mir ein Lied von Frank Turner zugetragen. Ich glaube es war ‘If Ever I Stray’, auf jeden Fall etwas von ‘England, Keep My Bones’. In der Retrospektive war dies mit Sicherheit einer der besseren Momente, die das Leben so zu bieten hat. Auch wenn ich meine Zeit gebraucht habe, um seine Worte wirklich zu verstehen, hat er mich von Anfang an angesungen wie ein guter alter Freund, der eine Freund, der immer Zeit für tiefsinnige Gespräche über einem Bier findet. Und wie der Freund, der immer Rat parat hat. Oder einem zumindest einen Stoß in die richtige Richtung gibt, wenn er selbst nicht weiter weiß.

Seine Lieder sind wie eine Gebrauchsanweisung für’s Leben, aber ohne Regeln. ‘Love, Ire & Song’ ist meine Bibel geworden, ganz ohne Gottkomplex. Hier gibt es keine Erlösung, nur Lösungsansätze und Liebe zum Unvollständigen, zum Versuchen und Wiederversuchen. Jede Zeile hier ist ein Bekenntnis zum Stolpern bis ans Ziel. Und das gibt mehr Hoffnung als jede Doktrin.

Heute habe ich mir endlich seine neue Scheibe ‘Tape Deck Heart’ besorgt, nachdem ich das Erscheinungsdatum wohl verschlafen hatte. Es ist ein neues Kapitel, eine neue Geschichte, in denselben Nuancen voll Leben, mit derselben Seele. Wieder ist es in Ordnung, zu versuchen. Wieder dürfen wir scheitern, wenn wir es nur mit ganzem Herzen tun.

Lieber Frank Turner, ich danke für den Mut zum Fallschritt und den Stoß in die richtige Richtung. Das nächste Bier geht auf mich.

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Lethargie

König, warum herrscht du nicht?
Dein Land versinkt im sauren Regen,
Gedanke stirbt nach Arsengenuss.

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Das Zweileben-Zimmer

Ein Raum voller Bücher. Die hauseigene Bibliothek wurde in der Stadt Zweileben-Zimmer genannt, denn für mindestens diese Zeitspanne sollten die Bücher darin ausreichen. Bis zur Decke waren sie gestapelt. An seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag hatte er sie alle gelesen.

Seitdem verbanden ihn zwiespältige Gefühle mit dem Raum. An der einen Hand war das Eintreten wie ein Wiedersehen mit alten Freunden, die immer etwas zu erzählen hatten, auch wenn es stets die selben Geschichten waren. Er brauchte nur mit den Fingern über die Buchrücken streichen, schon flogen ihm die Worte von den Seiten entgegen. Andererseits langweilte ihn die Bibliothek zunehmend, war sie doch leer, weil altbekannt. Das Durchgelesene limitierte ihn, das Papier sperrte ihn ein. Oft saß er stundenlang in dem tiefen Stuhl in der Mitte des Raumes, einzig und allein darüber nachdenkend, ob und wann er sich heute aus dem Fenster werfen sollte. Bis jetzt konnte er sich nie dazu durchringen, auszubrechen, warteten doch die alten Freunde auf ihn.

Seit er hierher kam, hatte sich niemals etwas in dem Zimmer verändert, er stellte die Bücher täglich zurück an ihren Platz und sonst betrat niemand die Bücherkammer, außer im Irrtum. Heute hatte sich etwas verändert. Auf dem kleinen Tisch mit der Leselampe lag etwas. Ein Paket. Es war in schlichtes, aber ansprechendes Papier gehüllt, es gefiel ihm, obgleich es ihn stutzig machte. Was machte es hier? Wer hatte es hier vergessen, wenn sich doch niemand wirklich für die Bibliothek interessierte? Er trat interessiert heran, um den Eindringling genauer unter die Lupe zu nehmen. Da erschrak er. Es war für ihn. Und niemand hatte es vergessen, jemand hatte es für ihn hier gelassen.

Heute fand das Fenster keinen Platz in seiner Gedankenwelt, die Spannung hatte in diesen alten Gemäuern Einzug gehalten. Mit der Vorsicht eines Papierliebhabers löste er die Klebebandstreifen von der Verpackung und wickelte den Inhalt langsam aus. Zum Vorschein kam ein kleines Buch und eine handgeschriebene Notiz, die darauf lag.

An den Leser.

Du bist angekommen und hast all die wunderlichen Geschichten gelesen. Bestimmt haben sie dir viel beigebracht, auch wenn du das noch nicht weißt. Dafür ist dieses Buch hier. Wie du sehen wirst, ist es leer. Denn es ist für Deine Geschichte. Dein Platz in der Welt, der bleibt.

Das Buch war wirklich leer. Als er es durchblätterte fiel ein Füller heraus. Er sollte also seine Geschichte niederschreiben. Dabei hatte er doch noch nichts erlebt. Hatte er doch sein ganzes Leben hier in diesen vier Wänden verbracht, zwischen all den Büchern. Hatte er sein Leben verlebt? Er zog ein Buch heraus und blätterte es durch. Er musste lächeln. Nein, er hatte nichts verpasst, in Wahrheit hatte er tausende Leben durchlebt, und in all diesen Leben fanden sich Teile von ihm wieder. Er steckte das Werk zurück und nahm ein anderes in die Hand. Wieder Erinnerungen.

Nun rastlos durch die Reihen laufend, fing er dünne und dicke, kleine und große Bände ein. Neue Texte stießen in seinen Händen auf die alten, die ihn schon sein ganzes Leben begleiteten. Er sammelte Material für seine Geschichte, sein Buch. Denn das war sein Vorteil: Er hatte seine Abenteuer nicht alleine erlebt, jemand hatte sie niedergeschrieben, sodass man sie immer wieder nachschlagen konnte, was für das Unterfangen des Geschichtenaufschreibens sehr vorteilhaft war, wie er befand. So konnte er sich die schönsten Erlebnisse zu einem großen zusammenstückeln. Patchwork-Adventure. Seine multiplen Persönlichkeiten, die er allesamt nicht war und doch in sich hatte, in einem Buch. Und nebenbei würde sich so jeder Leser etwas finden. Diese alten Wälzer waren der Stoff, aus dem Träume gemacht waren. Und wenn schon nicht der große, dann würde zumindest sein größter Traum in diesen Zeilen auf ihn warten und es würde sich ein Ziel samt Weg herauskristallisieren, etwas, das außerhalb des Zweileben-Zimmers lag. All die Bücher stapelte er auf den kleinen Tisch inmitten der Bibliothek. Davor ßsa er und schlug die erste Seite auf, deren Schneeweiß nur von klaren schwarzen Linien durchbrochen war. Er setzte die Feder zum Prolog an.

Er begann also, mit Blick auf die Rücken seiner Vergangenheit seine Zukunft zu schreiben. Das Bücherzimmer hatte dem Leser ein zweites Leben verschafft.

 

Zum Anlass des heutigen Welttag des Buches. Erstmals erschienen in der Anthologie “Das Buch” von Ben Steinke.

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33

Dreiunddreißig Schwarzrandbaten.
Dreiunddreißig Seelendorf.
Dreiunddreißig Schuss Granaten
Dreiunddreißig Stunden Schluss.

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Rost

Sie waren nicht da,
kein Zettel, kein Wort.
Vom Wind rasch getragen,
Abschied wehte von Ost.

Sie waren nicht da,
nur ein Hauch von Luft.
Sie verließen uns bald,
war zu grausame Kost.

Sie waren nicht da,
es war viel zu kalt.
Sie zerstreuten sich schnell,
kämpften gegen den Frost.

Sie waren nicht da,
die Menschen, das Glück.
Sie kommen nicht wieder,
Geister hassen den Rost.

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Sinkflug ins Dazwischen

Tieffliegen follten die großen Geister, doch weite Entfernung bringt Höhenluft mit sich.

Check-Ins in kleinste Unendlichkeiten der einsamen Drehungen der Turbinen lassen die Seele samt Ego zur Größe eines Papierbechers anschwellen, den man der freundlichen Stewardess zum Entsorgen reicht.

Aufwärts, immer aufwärts schauen, bis es abwärts geht und die Höhengedanken am Landen zerschellen, nachdem sie die Nase des großen Vogels beim Take-Off beflügelt hatte.

Es ist, als ob sie gleich dem jungen Ikarus zur Sonne wollen, nur der Pilot hält sie zurück, er macht einen besseren Job als Dädalus, denn den Gedanken bleibt ihr Federwerk meist  bis ans Ziel erhalten. Aber nicht mehr die selben sind es, nie mehr die selben.

 

Fliegen ist eine Fortbewegung des Nicht-Reisens. Man steigt ein, steigt aus und ist da. Es bleibt keine Zeit zum Ankommen.

 

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Tausend Knoten

Er fand sich nicht mehr.

Lange hatte er danach gesucht, nach den vielen Antworten auf keine Fragen. Er hatte im Boden gegraben und im rinnenden Schlamm nach Regeln gesucht, die ihm sein Sein erklären würden. Er wollte wissen, woher die Vögel kamen, also lief er in die Richtung, aus der sie geflogen kamen. Diese Flucht musste er bald aufgeben.

Er suchte sich nicht mehr.

Jetzt saß er da und wartete. Er hoffte, deshalb musste er nicht mehr suchen. Er fragte nicht mehr, deshalb erklärte sich ihm die Welt, sie rollte sich vor ihm auf wie ein guter alter Teppich, dessen tausende Knoten man schon hunderte Male mit den Fußsohlen spürte. Und jeder Knoten erzählte seine Geschichte, vom Schaf bis zu den Händen in der Weberei. Und er hörte ihnen allen zu.

So löste sich alles auf, in kleinste Teile. Und er sah sie alle vor sich, die Details. Nichts war mehr  ganz oder würde es jemals wieder sein. Die Erkenntnis hatte es zerschlagen.

Er fand sich nicht mehr.

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