23. 4. 2013 · 8:01
Ein Raum voller Bücher. Die hauseigene Bibliothek wurde in der Stadt Zweileben-Zimmer genannt, denn für mindestens diese Zeitspanne sollten die Bücher darin ausreichen. Bis zur Decke waren sie gestapelt. An seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag hatte er sie alle gelesen.
Seitdem verbanden ihn zwiespältige Gefühle mit dem Raum. An der einen Hand war das Eintreten wie ein Wiedersehen mit alten Freunden, die immer etwas zu erzählen hatten, auch wenn es stets die selben Geschichten waren. Er brauchte nur mit den Fingern über die Buchrücken streichen, schon flogen ihm die Worte von den Seiten entgegen. Andererseits langweilte ihn die Bibliothek zunehmend, war sie doch leer, weil altbekannt. Das Durchgelesene limitierte ihn, das Papier sperrte ihn ein. Oft saß er stundenlang in dem tiefen Stuhl in der Mitte des Raumes, einzig und allein darüber nachdenkend, ob und wann er sich heute aus dem Fenster werfen sollte. Bis jetzt konnte er sich nie dazu durchringen, auszubrechen, warteten doch die alten Freunde auf ihn.
Seit er hierher kam, hatte sich niemals etwas in dem Zimmer verändert, er stellte die Bücher täglich zurück an ihren Platz und sonst betrat niemand die Bücherkammer, außer im Irrtum. Heute hatte sich etwas verändert. Auf dem kleinen Tisch mit der Leselampe lag etwas. Ein Paket. Es war in schlichtes, aber ansprechendes Papier gehüllt, es gefiel ihm, obgleich es ihn stutzig machte. Was machte es hier? Wer hatte es hier vergessen, wenn sich doch niemand wirklich für die Bibliothek interessierte? Er trat interessiert heran, um den Eindringling genauer unter die Lupe zu nehmen. Da erschrak er. Es war für ihn. Und niemand hatte es vergessen, jemand hatte es für ihn hier gelassen.
Heute fand das Fenster keinen Platz in seiner Gedankenwelt, die Spannung hatte in diesen alten Gemäuern Einzug gehalten. Mit der Vorsicht eines Papierliebhabers löste er die Klebebandstreifen von der Verpackung und wickelte den Inhalt langsam aus. Zum Vorschein kam ein kleines Buch und eine handgeschriebene Notiz, die darauf lag.
An den Leser.
Du bist angekommen und hast all die wunderlichen Geschichten gelesen. Bestimmt haben sie dir viel beigebracht, auch wenn du das noch nicht weißt. Dafür ist dieses Buch hier. Wie du sehen wirst, ist es leer. Denn es ist für Deine Geschichte. Dein Platz in der Welt, der bleibt.
Das Buch war wirklich leer. Als er es durchblätterte fiel ein Füller heraus. Er sollte also seine Geschichte niederschreiben. Dabei hatte er doch noch nichts erlebt. Hatte er doch sein ganzes Leben hier in diesen vier Wänden verbracht, zwischen all den Büchern. Hatte er sein Leben verlebt? Er zog ein Buch heraus und blätterte es durch. Er musste lächeln. Nein, er hatte nichts verpasst, in Wahrheit hatte er tausende Leben durchlebt, und in all diesen Leben fanden sich Teile von ihm wieder. Er steckte das Werk zurück und nahm ein anderes in die Hand. Wieder Erinnerungen.
Nun rastlos durch die Reihen laufend, fing er dünne und dicke, kleine und große Bände ein. Neue Texte stießen in seinen Händen auf die alten, die ihn schon sein ganzes Leben begleiteten. Er sammelte Material für seine Geschichte, sein Buch. Denn das war sein Vorteil: Er hatte seine Abenteuer nicht alleine erlebt, jemand hatte sie niedergeschrieben, sodass man sie immer wieder nachschlagen konnte, was für das Unterfangen des Geschichtenaufschreibens sehr vorteilhaft war, wie er befand. So konnte er sich die schönsten Erlebnisse zu einem großen zusammenstückeln. Patchwork-Adventure. Seine multiplen Persönlichkeiten, die er allesamt nicht war und doch in sich hatte, in einem Buch. Und nebenbei würde sich so jeder Leser etwas finden. Diese alten Wälzer waren der Stoff, aus dem Träume gemacht waren. Und wenn schon nicht der große, dann würde zumindest sein größter Traum in diesen Zeilen auf ihn warten und es würde sich ein Ziel samt Weg herauskristallisieren, etwas, das außerhalb des Zweileben-Zimmers lag. All die Bücher stapelte er auf den kleinen Tisch inmitten der Bibliothek. Davor ßsa er und schlug die erste Seite auf, deren Schneeweiß nur von klaren schwarzen Linien durchbrochen war. Er setzte die Feder zum Prolog an.
Er begann also, mit Blick auf die Rücken seiner Vergangenheit seine Zukunft zu schreiben. Das Bücherzimmer hatte dem Leser ein zweites Leben verschafft.
Zum Anlass des heutigen Welttag des Buches. Erstmals erschienen in der Anthologie “Das Buch” von Ben Steinke.
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